Die Könige der Lüfte von El Chaltén
Wir hätten uns für El Chaltén kein besseres Wetter wünschen können, als während unseres Aufenthalts vorherrscht. Nach einer unbequemen Nacht mit kaum Schlaf im engen Nachtbus, bugsieren wir unsere müden Körper direkt nach der Ankunft im kleinen Bergsteigerdorf Richtung Laguna Cerro Torre. Während sich der patagonische Wind in Grenzen hält, erwärmt die Sonne unsere Haut. Der Wanderweg führt durch eine schöne, variierende Waldlandschaft und gibt nach nicht allzu langer Gehzeit die ersten Blicke zum Cerro Torre frei. Der Pfad ist mehr Spaziergelände als anspruchsvolles Bergwandern. Reizvolles für das Auge gibt es während des Aufstiegs allerdings genug. Neben dem Panorama aus grüner Natur, Fels und Eis, begegnen wir auch den unterschiedlichsten Wander- und Bergsteigertypen. Manche zaubern uns mit ihrer Rückenlast ein Schmunzeln ins Gesicht und erinnern uns an unser Korsika Abenteuer. Zwar sind die meisten Campsites in dieser Gegend mit wenig Anstrengung zu erreichen, trotzdem würde es manchem Wanderer mit weniger Haushalt auf dem Rücken besser ergehen. An der Laguna Cerro Torre bekommen wir die kühle Luft der vor uns liegenden Eiswände zu spüren und wir ziehen uns erstmal wieder die Schichten unseres Zwiebellooks über, die wir noch kurze Zeit vorher während des warmen Aufstiegs ausgezogen hatten. Den Blick auf die unbändige Eisnadel des Cerro Torres teilen wir uns mit unzähligen anderen Reisenden. Gut haben wir uns nicht auf ein romantisches Picknick zu zweit eingestellt, sondern finden neben der Aussicht zu den spektakulären Türmen auch Gefallen an den vielen Instagram Snapshot Posern. Auf dem Rückweg blicken wir noch mehrmals zurück zu den scheinbar unbändigen Felswänden. David Lamas Besteigung durch die ehemalige Kompressor Route begleitet uns in unseren Köpfen bis ins Tal. Dieser Tag endet für uns noch vor dem patagonischen Sonnenuntergang um 22 Uhr.
Am nächsten Morgen geht es bei wolkenlosem Himmel und strahlendem Sonnenschein in Richtung Fitz Roy. Ein wunderschöner Wanderweg führt an herrlichen Aussichtsplätzen vorbei zum Lago de los Tres und zugleich an den Fuss des Fitz Roy Massivs. Diesen frontalen Berganblick geniesst keiner, ohne vorherigem Kraftaufwand und für manche wird dieser zehn Kilometer lange Aufstieg durch die letzte Steigung wohl die strengste Wanderung ihres Lebens. Glücklicherweise liegt das Camp noch vor dem anstrengenden Streckenabschnitt, ansonsten würde es hier wohl noch mehr stauen, als es sonst schon tut. Bei diesen angenehmen Temperaturen und dem Prachtwetter wäre nur ein Blick schöner und zwar der von ganz oben. Just im selben Moment entdecken wir zwei Bergsteiger im Abstieg über den Gletscher. Ob sie die Gunst des stabilen Wetters genutzt haben und erfolgreich einen der Gipfel erklommen haben, erfahren wir nicht. Sie gehen der Menschenmenge gekonnt aus dem Weg. Im Abstieg pausieren wir an einem Gletscherbach. Wir strecken unsere Füsse ins Wasser und geniessen das Bergpanorama aus der Ferne. Die Begeisterung für diese mächtigen Granitwände ist vergleichbar mit der Eiger Norwand, dem Matterhorn oder den drei Zinnen in den Dolomiten. Die vielen Wanderer im Gebiet um El Chaltén beweisen, dass solche unbezwingbaren Giganten der Natur nicht nur bei den Extrembergsteigern eine Faszination auslösen. Uns beeindruckt vor allem die kontrastreiche Umgebung aus Grün und Weiss, mit seinen Gletschern, die hier noch bis zur Waldgrenze und darunter reichen. Und als würde die Schönheit der Landschaft nicht schon ausreichen, damit unser Herz Saltos schlägt, segeln auch noch die imposanten Kondore über unseren Köpfen hinweg. Das kühle Wetter am nächsten Morgen mit nebelverhangenen Bergspitzen und stürmischen Wind zeigt uns den gestrigen 6er im Lotto.